Christiane Grathwohl-Scheffel
Herta Seibt de Zinser
Waldhof, Eröffnung am 30. Juni 2019

diálogos

Herta Seibt de Zinser ist gebürtige Peruanerin und lebt inzwischen schon seit vielen Jahren in Freiburg. Aufgewachsen ist sie am Stadtrand von Lima, dort erhielt sie Ihre ersten künstlerischen Prägungen. Sie studierte Bildhauerei an der Kunstakademie der Universidad Católica del Perú. An diesem Institut hat sie auch selbst unterrichtet und Lehraufträge für Kunst und Keramik übernommen. Seit 1982 lebt sie in Deutschland. Die Liebe hat sie nach Freiburg gebracht und hier im alten Europa, wo die Natur so viel weniger mächtig und überwältigend ist als auf ihrem Geburtskontinent, erfolgte ihre bildhauerische Reifung und die Ausformung ihrer künstlerischen Bildsprache.

Ihre Kindheit und Jugend hat sie in einem Vorort von Lima verbracht, in einem Haus mit einem großen Garten. Dieser Garten prägte ihre Weltwahrnehmung. Jeden Tag hielt sie sich im Garten auf, beobachtete alles, durchstreifte und erforschte ihn. Die Eindrücke und Sinneswahrnehmungen, die Gerüche und auch der Geschmack der Pflanzen, ihre Gestalt, die Verwendung, die Aufzucht und Pflege, alles interessierte sie. Als Kind, die Natur zu erleben, im Schutzraum eines Gartens, in dem man immer wieder sich selbst überlassen wird, den eigenen Beobachtungen, Vorstellungen und Träumen, das ist eine Erfahrung, die man das ganze Leben in sich trägt. Eine innere Verbindung zur Natur entsteht und wächst und so wurde im Lauf der Jahre der Austausch mit der Natur für Herta Seibt de Zinser die Grundlage für ihre künstlerische Arbeit.

Nach einer ausgiebigen Phase in Deutschland, entschloss sie sich mit ihrer Familie zu einem dreijährigen Aufenthalt in der alten Heimat. 2004 kehrte sie nach Freiburg zurück und bezog ein Atelier im E-Werk. Langsam veränderte sich ihre Bildsprache. Nach den bis dahin rein geometrisch-abstrakten Eisenrohrskulpturen, den lineas, traten ab 2004/2005 verstärkt organische Formen auf. Wie ein Nachhall auf die intensiven Landschafts- und Naturerfahrungen in Peru wurde zunehmend die Pflanzenwelt zu ihrer Inspirationsquelle. Die Serien der Semillas / Frutos / Flores und Hojas (Samen / Früchte / Blumen und Blätter) nahmen ihren Anfang.

Die Natur ist eine wunderbare Lehrmeisterin, sie ist unerschöpflich und immer wieder neu und so startet Herta Seibt de Zinser fast in jeden Tag mit einem Dialog mit der Pflanzenwelt. Diese Zwiegespräche, finden am frühen Morgen statt und drücken sich in den observaciones (Beobachtungen) aus. Das ist der Name, den Herta Seibt de Zinser ihren Zeichnungen gibt. Fast jeden Morgen wird also gezeichnet. Als Morgenmensch sind es diese frühen Stunden, die ihr eine besondere Konzentration ermöglichen. Noch herrschen Ruhe und Ungestörtheit, die Ablenkungen des Tages mit aller Geschäftigkeit sind weit und die Künstlerin kann sich ganz auf das Beobachten und Zeichnen einlassen.

Der Vorgang ist wie ein Ritual und kommt einer morgendlichen Meditation gleich. Der Arbeitsplatz wird vorbereitet, die Stifte, das Papier zurechtgelegt, die Lupe in die richtige Position gebracht, das Licht angeschaltet und das Modell des Tages, die jeweils ausgewählte Pflanze oder Frucht, in Position gebracht. Jeden Tag ist es ein anderes Motiv, nur in komplizierten und detailreichen Fällen, kann die Arbeit sich über mehrere Tage hinziehen. Voraussetzung ist, dass die Pflanzen sich halten und nicht während dieser Zeit die Form verändern, vertrocknen, Blüten abfallen o.Ä. Ihre Modelle findet die Künstlerin im Garten, im Wald, in ihrer unmittelbaren Umgebung. Meist sind es Zweige, Blätter, Baumfrüchte, Blumen und Schoten.

Herta Seibt de Zinser schaut sich jede Einzelheit ihrer Modelle ganz genau an. Es interessiert sie alles, auch was mit bloßem Auge nicht mehr erkennbar ist. Dafür benutzt sie die hochauflösende, an ihrem Zeichentisch befestigte Lupe. Winzig kleinen Dinge fließen ein. Die Faszination der Künstlerin, ihre Begeisterung für die Natur, ist grenzenlos. Das Reservoir der Fundstücke unerschöpflich. Die Naturstudien sind hochkonzentrierte Arbeiten. Sie sind in allem realistisch. Mit ruhiger Hand führt sie den Bleistift über das Papier, kein Zittern, keine nervösen Zuckungen. Fast wie bei einer japanischen Kalligraphie wird jede Linie genau gesetzt. Nur selten muss korrigiert oder radiert werden. Größte Konzentration und innerer Sammlung sind die Voraussetzung. Auf dem immer gleichen Papierformat des Skizzenblocks werden die Pflanzenmodelle in Originalgröße abgebildet. Der Zeitrahmen beträgt eine halbe bis maximal eine Stunde. Das ist der Zeitumfang, in dem die hohe, von anderen Tätigkeiten nicht unterbrochene Konzentration gehalten werden kann.

Beim Vorgang des Zeichnens, genauen Betrachtens und in den Gegenstand Hineinversenkens ereignet sich ein Anverwandeln. Die Natur spricht in ihrer Sprache zur Künstlerin und was sie ihr erzählt, was diese aus ihr herausliest, nimmt Gestalt an auf dem Papier. Dabei spielt Phantasie auf der Metaebene, also neben dem exakten, realistischen Abbilden während des Zeichnens, eine nicht geringe Rolle. Man kann in die Schoten und Fruchtgehäuse einiges hineinsehen. Für Herta Seibt de Zinser sind es personages, Gesichter, Gestalten, mit Leben gefüllte Formen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts übt die Möglichkeit des Hineinsehens und Herauslockens von Gestalten in Pflanzen, Felsen, Bergen, dem Meer, eine unbezwingbare Faszination auf Künstlerinnen und Künstler aus und welcher einigermaßen fantasiebegabte Mensch würde das nicht nachvollziehen können. Die Kunstgeschichte ist voll von Beispielen und bis heute ist gerade diese „Belebtheit“ der Auslöser für die Auswahl eines bestimmten Motivs. Warum diese Schote oder jenes Blatt zur Darstellung kommen, hat nicht nur formale Gründe, im abstrakt-analytischen Sinn, sondern eben auch inhaltlich-emotionale. Warum fasziniert das Eine und langweilt das Andere? Jedes Individuum reagiert auf seine spezifische Weise.

Zum Abschluss des morgendlichen Zeichnens wird das Skizzenblatt datiert, signiert und häufig auch rückseitig beschriftet mit den Angaben von Ort, botanischem Namen der Pflanze, ob mit oder ohne Lupe betrachtet und mit Informationen zur Herkunft des Motivs. All diese Angaben werden auf Spanisch geschrieben, in der Muttersprache der Künstlerin. Denn sowohl das Thema des künstlerischen Dialogs als auch die Sprache, in der dieser Dialog stattfindet ist für Herta Seibt de Zinser elementar mit den Wurzeln, ihrem eigenen Ursprung, verbunden.

Das Zeichnen ist der Start in den Tag und zugleich die Basis für die skulpturale Arbeit. Das Zeichnen ist streng realistisch, die Skulpturen hingegen sind kein Abbilden mehr, sondern ein freies Fließen, eine Interpretation der Form mit gebogenen Eisenrohren. An einem Beispiel soll das Prinzip veranschaulicht werden. Die Skulptur aus der Serie der „Samen“ ist in diesem Jahr neu entstanden und bildet den Auftakt für den Rundgang durch den Park. Sie geht auf eine Baumfrucht zurüch, eine Buchecker.

In einer mit unzähligen, winzigen mit stacheligen Widerhacken besetzten Schale, befindet sich die dreikantige, bis zu einem Zentimeter große Frucht. Sie sieht aus wie ein kleines Nüsschen. Wenn sich die Schale, in der die Buchecker reift, öffnet, was sich bei ihr in vier Segmenten, die sich wie eine Blüte auffalten ereignet, fällt die Frucht heraus und die leere Hülle bleibt zurück. Im Inneren dieser geöffneten Kapsel sind viele Details zu beobachten. So sieht man am Grund der Schale einen quadratischen Stempel: die Stelle an der die Buchecker an ihrem sie schützenden Gehäuse angewachsen war. All diese Details finden ihren Ausdruck in der dazugehörigen Zeichnung. Hingegen die Skulptur mit ihren wunderbar minimalistischen Schwüngen hat sich weit von diesen realistischen Vorgaben entfernt.

Wenn Herta Seibt de Zinser mit einer neuen Skulptur beginnt geht sie von einer Grundidee aus, in diesem Fall ist es die Buchecker. Ein Eisenrohr wird im Schraubstock eingespannt, das Rohr mit dem Schweißbrenner befeuert und schließlich mit den Händen gebogen. Darauf folgt das nächste Rohr, der gleiche Vorgang: fixieren, befeuern, biegen und dann mit dem ersten Rohr verbinden. Die Verbindung erfolgt durch einen Steckmechanismus. Die einzelnen Segmente werden durch ein Scharnier verbunden und so lange gedreht, bis sie sich in der richtigen Position befinden, erst dann werden sie fixiert. Auf diese Weise wächst langsam eine skulpturale Gestalt heran.

Sie wird geprüft, betrachtet, verändert. Stimmt die Form mit dem inneren Bild überein? Drückt sie aus, was als Essenz der organischen Vorlage gelten kann? Beim Machen, der körperlichen Arbeit, dem Biegen und Betrachten wird der Weg klar. An diesem Punkt geht es um das Fließenlassen, sich in den Prozess Hineinbegebens und nach Innenhorchens.

Auf Entwurfszeichnungen verzichtet die Künstlerin. Die Schwünge und Lineaturen der Eisenrohre sind Ausdruck von Formverinnerlichung. Sie sind nicht beliebig, immer beziehen sie sich auf ein ganz bestimmtes in der Natur real existierendes Vorbild. Kennt man die Vorlagen, sei es ein Eichenblatt, ein Ahornsamen, eine Magnolienblüte oder eine Buchecker, sieht man sich die Naturformen genau an und betrachtet dann die abstrakte Skulptur, kann man die künstlerische Umwandlung nachvollziehen.

Eine große Leichtigkeit und Souveränität liegt in den fertigen Skulpturen. Sie kommen ohne Sockel aus und scheinen fast direkt aus dem Boden heraus zu wachsen. Statische Fragen stellen sich dem Betrachter nicht, werden von der Künstlerin aber natürlich immer mitbedacht. Im Park, auf der Wiese fügen sie sich ein in die umgebende Natur. Der Baumlehrpfad, das Arboretum des „Waldhofs“, ist ein idealer Platz. Nie erscheinen die Skulpturen von Herta Seibt de Zinser als Fremdkörper, sie fügen sich ein in das größere Ganze und erweitern unser Sehen. Bei ihnen gibt es keine Einansichtigkeit, immer fordern sie zur Bewegung auf. Erst beim Umrunden erschließen sich ihren vielen Perspektiven. Sie scheinen kaum Masse zu haben, sind fast immer überlebensgroß und umschließen ein enormes Raumvolumen. Doch dieses Volumen besteht zum allergrößten Teil aus Luft und das scheinbar Leichte der filigranen Rohre, die Schwerelosigkeit ihrer Formen, ist eine Illusion. Es ist wie beim Tanz, mit dem diese künstlerische Bildsprache so vieles gemeinsam hat: Die vorgeführte Leichtigkeit ist nur mit äußerster Disziplin zu erreichen und die Überwindung der Gesetze der Schwerkraft das Ergebnis von Ausdauer, Training und Technik. Was dabei herauskommt ist von großer Poesie und Schönheit. Herta Seibt de Zinser begreift ihre Arbeit als „Hommage an die Schöpfung“, jeder Strich auf dem Papier und jedes gebogene Eisenrohr spricht davon.