Regine Kemmerich-Lortzing
HOJAS – Herta Seibt de Zinser
Ausstellung Kunstforum Merdingen, 14.06.2026
Mit HOJAS – dem spanischen Wort für BLÄTTER – ist die aktuelle Ausstellung überschrieben. Wenn Sie sich in der Zehntscheuer umschauen, werden Sie sich etwas wundern, weil Sie erst einmal nur Rohre entdecken. Es sind offensichtlich von der Bildhauerin Herta Seibt de Zinser persönlich verformte Rohre, die sich kurvenreich im Raum schlängeln. Es sind einerseits große und kräftige Rohre, die andererseits doch einen „leichtfüßigen“ und fast grazilen Eindruck vermitteln. Wie kann man solche stabilen Rohre auf diese Weise verformen? Rein mit Menschenkraft gelingt das nur den Helden in Fantasiefilmen. Selbst eine Bildhauerin wie Herta Seibt de Zinser braucht dazu ein Autogen-Schweißgerät, eine Flamme und sehr viel Ausdauer.
Hojas, Blätter, die aus diesem harten Eisenmaterial geformt sind, kommen in der Natur natürlich nicht vor. Warum lautet der Titel dieser Ausstellung dennoch HOJAS? Und warum bezeichnet Herta Seibt de Zinser ihre Arbeit als „Hommage an die Natur?“ Wie Sie sehen, zeichnet sie akribisch die vielen kleinen Geschenke, die ihr die Natur im Garten und in der sonstigen Umgebung offeriert. Anfangs handelte es sich dabei um ein fast meditatives Ritual, das jeden Morgen mit Bleistift und Papier vollzogen wurde. Inzwischen nützt sie dafür eine alte Technik mit dem Silberstift und sagt, jetzt könne sie nicht mehr zum Bleistift zurück.
Macht es einen Unterschied, ob eine Zeichnung mit dem Bleistift oder mit einem Silberstift ausgeführt wird? Einen sehr großen – denn bei dieser alten Technik handelt es sich um ein aufwendiges Verfahren. Das Papier muss erst einmal mit einer Lasur präpariert werden. Der Silberstift muss dann mit etwas Druck aufgesetzt werden, damit die Linien darauf überhaupt sichtbar werden. Und wenn so eine Linie sichtbar ist, gibt es keine Möglichkeit zur Korrektur. Bleistiftlinien können durch den Einsatz eines Radiergummis gelöscht, korrigiert oder verbessert werden. Jeder Strich mit einem Silberstift erfordert dagegen äußerste Präzision! Der Strich kann nicht verändert werden, aber der Lichteinfall kann mit der Zeit die Lasur des Blattes verändern. Das wiederum beeinflusst den sinnlichen Ausdruck einer Zeichnung insgesamt, entweder zum Positiven oder zum Negativen. Deshalb experimentiert Herta Seibt de Zinser dabei unentwegt und notiert auf der Rückseite jeder Zeichnung die Zusammensetzung der verwendeten Lasur, um sie eventuell anderweitig wieder genau so anzuwenden oder eben nicht. Jede Zeichnung wird zu einem Akt mit Risiko.
All diese Silberstift-Zeichnungen werden Sie aber zweifellos davon überzeugen: Herta Seibt de Zinser ist eine Naturliebhaberin. Natur ist ihre Inspirationsquelle. Aber wie passen da die verformten Wasserrohre ins Konzept, die in all ihren kalligrafischen Schleifen auch noch eindeutige Titel tragen wie HOJAS, FLOR, SEMILLA usw.
Natur und Kunst – Fontane würde jetzt seufzen und sagen: „Das ist ein weites Feld.“ Hier müsste man allerdings ergänzen: Nicht nur weit, sondern auch uralt!
Hat sich doch der Mensch von Anbeginn an mit dem was ihn umgibt, sehr konkret auseinandergesetzt. Er malte Tiere an Höhlenwände, formte den menschlichen Körper nach. Er strichelte und pinselte, er experimentierte mit Farben, bannte Blumen und Früchte auf Holztafeln oder Leinwände. Er komponierte im Atelier ideale Landschaften, er zog mit Leinwand und Palette hinaus, um ‚plein air‘ festzuhalten, was er vor sich sah. Er wurde zum Wassermaler, zum Wolkenmaler, zum Lichtmaler, zum Stimmungsmaler. Lange Zeit war die Natur die wichtigste Inspirationsquelle für einen Künstler. Das änderte sich, als er sie als Material entdeckte und mit verblüffenden Ergebnissen in der Landart verwendete. Aber alles hat wie immer zwei Seiten und so wurde diese Kunst mit der Zeit von anderen attackiert als schädigender Eingriff in die Natur. Nun gibt es politisch motivierte Kunstaktionen, „ökologische Kunst“, „Rekultivierungskunst“ etc. Nicht zuletzt die Dauerdiskussionen um das Thema Klimawandel haben die Beziehung Künstler – Natur verändert. Dabei sind Kriterien wie Ästhetik und sinnliche Wahrnehmung künstlerisch zunehmend aus dem Fokus geraten.
Hier begegnen wir nun Hertas eher spartanischen, doch kräftigen Skulpturen, die sich in keine dieser Schubladen einordnen lassen. Die üblichen Ordnungssysteme der Kunstgeschichte funktionieren in der Zeitgenössischen Kunst ohnehin fast nicht mehr. Herta hält aber bis heute kompromisslos an ihrer Formulierung fest, ihre Arbeit sei eine „Hommage an die Natur“.
Wenn etwas kein Abbild von Natur sein kann, dann ist es Abstraktion.
Google definiert Abstraktion mit KI folgendermaßen:
„Abstraktion (von lateinisch abstrahere = „abziehen“,“ wegnehmen“) bezeichnet das geistige Loslösen von unwichtigen Details, um das Wesentliche, Gemeinsame oder Allgemeine eines Problems zu erfassen. Es ist die Reduktion von Komplexität, die uns das Verstehen, Verallgemeinern und logische Denken ermöglicht.“
Wird in Hertas Skulpturen die Komplexität der Natur auf Wesentliches reduziert, so dass wir sie besser erkennen und verstehen können?
Probieren wir es aus! Es ist bekannt, dass Künstler eine spezifische Art der Wahrnehmung haben. Stellt sich also die Frage: Was nimmt Herta Seibt de Zinser in der Natur wahr, welche Details, welche Besonderheiten hat sie herausgefiltert und in diesen abstrakten Skulpturen gebündelt?
Da lässt sich einiges entdecken:
- Natur braucht Wasser, lebt von Wasser, es wird in den Pflanzenadern überall hin transportiert. – Also macht die Verwendung von Wasserrohren schon aus biologischer Sicht durchaus Sinn, erklärt sich sozusagen von selbst.
- Wir erleben Natur als Kraft, als etwas Starkes, das sich behauptet, Begrenzungen sprengen und sogar ganze Pyramiden zum Verschwinden bringen kann. – Diese Wasserrohre bestehen aus Metall und demonstrieren in ihrer Materialität ebenfalls Stärke, die sich in ihrem Umfeld durchaus behaupten kann.
- Andererseits geschieht das Wirken in der Natur scheinbar leicht und mühelos. Sie nimmt viel Raum ein, das vollzieht sich jedoch in äußerst zurückhaltender Weise. – Auch die Skulpturen wirken trotz all ihrer Stärke nicht erdrückend, eher luftig und leicht, sind raumfüllend aber nicht wuchtig.
- Natur arbeitet sich unterirdisch weiter und drängt ans Licht. Sie kann sich wie Lianen überall hochwinden oder anderes überwuchern. Ohne unser menschliches Eingreifen würde sie unserem kultivierten Schwarzwald ein total verändertes Outfit verpassen. – Wenn Sie diese Skulpturen betrachten, werden Sie sich nicht nur an das Wurzelwerk erinnert fühlen, über das Sie stolpern, wenn Sie auf schmalen Waldwegen unterwegs sind, sondern auch an die Windungen von Kletter- und Schlingpflanzen aller Art.
- Natur weicht bei Hindernissen oder Widerständen aus und sucht sich neue Wege, ohne in der Kraft nachzulassen. Ein unsichtbarer Trick hilft ihr dabei, denn sie nutzt Bewegung, also den Wind, die Vögel und Insekten, um weiter ihre Aufgabe zu erfüllen. – Diese Fähigkeit zur konkreten Veränderung steckt auch in den Rohrskulpturen. Das zeigt sich bei Performances, wenn Tänzerinnen immer wieder Teile einer Skulptur in eine andere Richtung wenden, sie damit zu einer anderen Gestalt formen. Und ihnen kommt dabei auch ein Trick zu Hilfe: In den Rohrteilen sind immer wieder kleine Gelenkstellen eingebaut, mit denen die Teile der Skulpturen in eine andere Richtung gedreht werden können. Ohne diese kleinen Helfer wären Drehbewegungen und Richtungsänderungen nicht machbar! – Abgesehen davon sind sie aber auch für das Zerlegen und Transportieren der Skulpturen notwendig.
- Natur hat ein immenses Potential an Formenvielfalt in Pflanzen, Blumen, Büschen, Bäumen, die je nach Umfeld variieren können, z.B. auf unterschiedlichen Höhen in den Bergen usw. – Auch in Hertas Skulpturen werden Sie eine enorme kreative Vielfalt an Formen, Schleifen, Schwüngen und Windungen entdecken können, die immer wieder an die vielen Formen in der Natur erinnern, je nachdem von welcher Seite aus die Rundungen der Skulpturen in Augenschein genommen werden! Daher tragen die Skulpturen Titel wie HOJAS, FLOR, SEMILLA usw. Und keine dieser Skulpturen gibt es zweimal!
- Natur bietet ein breites ästhetisches Potential, das nicht nur viele Insekten für ihre Arbeit nutzen, sondern auch wir an ihr schätzen. – Hertas künstlerische Abstrahierungen behaupten sich auf unaufdringliche Art im Innern von neuen wie alten Gebäuden wie hier in der Zehntscheuer, oder im urbanen Umfeld draußen ganz allgemein. Sie entfalten ihr ästhetisches und sinnliches Potential aber vor allem im natürlichen Umfeld von Gärten, Parks und Landschaften, die sie wie sanfte Kontrapunkte beleben. Beispiele davon bieten die vielen großartigen Aufnahmen von Klaus Zinser im Katalog der Bildhauerin. Denn in der direkten Gegenüberstellung von Kunst und Natur offenbart sich, was beide unterscheidet, aber auch was beide verbindet.
Fassen wir zusammen:
In Herta Seibt de Zinsers Skulpturen können wir wesentliche Kriterien der Natur als gebündelte Metapher wiederfinden:
- die Bedeutung von Wasser als lebenserhaltende Ressource,
- ihre starke räumliche Durchsetzungskraft,
- ihre dennoch feingliedrige, sanfte Erscheinungsweise,
- ihre Fähigkeit zur Nachgiebigkeit und Anpassung,
- ihr reichhaltiges Formenrepertoire,
- ihr großes sinnlich-ästhetisches Potential.
Diese Fülle an Kraft und Vielfalt in der Natur entspringt einer fundamentalen, kreativen Kraftquelle, die auch die Menschheit durch die Jahrtausende getragen hat. Herta ist Deutsch-Peruanerin und wuchs als Kind in einem üppigen Garten in Lima auf. Durch die Erzählungen eines liebenswürdigen alten Gärtners wurde sie von der kulturellen Welt der Berg-Indios von Peru verzaubert, denn in dieser Welt sind Mensch und Natur in einer untrennbaren Einheit verbunden. Folglich sind wir als Teil der Natur auch mit dieser Kraftquelle verbunden. Und diese kreative Kraft bahnt sich ihren Weg in die geistige Welt der Menschheit als künstlerischer Schaffensdrang. Er ist von derselben Vielfalt an Ausdrucksformen geprägt, er verfügt über dieselbe Hartnäckigkeit, die selbst durch autoritäre Systeme nicht ausgemerzt werden kann, wie wir wissen.
Daher lädt Herta Seibt de Zinser auch immer wieder künstlerisch anders Arbeitende mit großer Selbstverständlichkeit zu einer künstlerischen Begegnung mit ihren Skulpturen ein. Für ihr Projekt FLOR im Kunstverein Kirchzarten im Jahr 2022 hatten nicht nur zwei Tänzerinnen eine besondere Choreografie entwickelt; eine Musikerin steuerte eine eigens dafür kreierte Komposition bei, die auf CD aufgenommen wurde, und ein Kameramann zeichnete das Zusammenwirken von Skulptur, Tanz und Musik per Video auf. Dieses Video und weitere Beispiele für derartige Projekte sind auf der Homepage von Herta Seibt de Zinser zu finden.
In dieser aktuell hektischen und unruhigen Welt setzt diese Bildhauerin auf leise und unaufdringliche Weise bildstarke Zeichen. Indem sie ihre Sichtweise, ihr Verständnis von Natur mithilfe von Wasserrohren „verkörpert“, verwandelt sie ihre Liebe zur Natur zu künstlerisch abstrahierten Gestaltungen. Ohne jedoch die Natur aus den Augen zu verlieren, wie die Titel der Skulpturen offenbaren. Und wir können uns nun mit ihrer „Hommage an die Natur“ gründlich auseinandersetzen, wie sich das für eine Ausstellung gehört!
Regine Kemmerich-Lortzing