Teresa Ruiz Rosas,
Katalog “LÍNEAS” 2000

Linien bilden Räume


„Das Universum besteht aus Atomen und Leere“, meinte Demokrit etwa 400 v. Chr. Und beim Anblick der durch Hitze gebogenen Eisenlinien von Herta Seibt de Zinser offenbart sich mir in aller Deutlichkeit der Aphorismus des alten griechischen Philosophen.

Die peruanisch-deutsche Bildhauerin, in Freiburg im Breisgau verwurzelt, trotzt den Grenzen des Raums, indem sie – ausgehend von einem so massiven und massigen Material wie dem Eisen – eine Lebensmaxime aufstellt, die nicht oft genug wiederholt werden kann: Alles hängt vom Blickwinkel ab. DieGeradlinigkeit, die Kurve, die Kontinuität, die Aufteilung des Raums, die Flächen, das Gleichgewicht, die Eröffnung von neuen Möglichkeiten bis hin zur Bewegung, alles verändert sich – abhängig von die Perspektive, aus der diese gigantischen Linien von drei zusammengefügten Stücken, auch im Hinblick auf neue Wirkungen, betrachtet werden. Und es scheint Zauberei: ein Eisentanz im Leeren, eine Freiheitsparole an die Unendlichkeit.

Die Linien sind graphitgrau undunfassen viel, etwa so wie eine Bleistiftmine: je nachdem, was wir zeichnen oder schreiben wollen. Ich beispielsweise habe in ihnen Reverenz und Ironie, Karikatur und Hingabe, Ekstase und Kennzeichnung gesehen. Aber es handelt sich dabei nicht um etwas Willkürliches oder Zufälliges, es stecken geometrische Gesetze dahinter, die dieses Spiel möglich machen: kein Winkel der durch diese Linien beschrieben wird ist größer als 90°, keiner kleiner als 30°; dies ermöglicht Kontinuität, in der jede neue Kurve ihrerseits eine andere Fläche schaffen kann. Getreu Ihrer Arbeit mit dem Eisen hat Herta Seibt de Zinser in dieser originellen Serie Hitze (Bewegung) in die Kälte (Material) zusammengebracht und uns ein Thema zur intensiven Auseinandersetzung nahegelegt – unsere Beziehung zum Raum.